Angst vor morgen!

Es ist fast 4:00 Uhr am Morgen des 25. Oktober. Morgen soll Yorik operiert werden. Es steht nun fest, dass zuerst doch der Darm soweit hergestellt werden soll, dass Yorik dann langsam lernen kann, normal zu essen.
All die Diagnosen in den letzten Tagen… immer wieder neue Meinungen, Vermutungen und damit verbundene Unsicherheit, die sich in Angst und Unverständlichkeit türmt.
Tagelang richtete sich das Augenmerk nicht auf den Darm, wie es noch vor Geburt hieß, sondern darauf, dass sich der Ductus noch nicht geschlossen hat. Ein „Zipfel“ des Ductus ragt in den Isthmusbogen der Aorta, die minimalst bereits verengt ist. Die Befürchtung, dass sich eine stärkere Stenose der Aorta bildet, wenn der Ductus sich beim Schließen zusammenzieht, ist/war groß. Jetzt ist man allerdings der Meinung, dass sich keine so gravierende Verengung bilden wird, dass eine erste Herz-OP nötig ist. Also versuchen sie den Darm herzustellen, bzw. die Verengung herauszunehmen. Dass der Darm zumindest minimal durchlässig ist, zeigt die Tatsache, dass Yorik ordentlich kackert. Allein gestern Nachmittag habe ich ihm zweimal den Popo geschrubbt und dabei eine solche Freude und Stolz empfunden, dass ich fast diesen kleinen Kackpo geküsst hätte. Der Kinderchirurg war da und erklärte, dass mein Sohn noch zu klein ist, für eine Laporoskopie. Man wird also einen etwa 5cm breiten Schnitt quer unter dem Rippenbogen ansetzen. Ich schaute mir diesen wunderschönen kleinen Bauch an und musste mich so zusammenreißen nicht zu weinen. Diese perfekte Haut,… diesen wunderschönen Körper,…. einfach aufschneiden, meinem Kleinen weh zu tun,… um ihn retten zu können,… Ein Leben lang wird diese Narbe zeigen, was er bereits mit 5 Tagen durchmachen musste. Und ich fühle mich nicht nur hilflos, sondern verdammt schuldig!

Das hat nichts mit Selbstmitleid zu tun und egal wie sehr ich weiß, dass ich nichts anderes tun kann, als zu unterschreiben, dass man Yorik operiert, wenn ich möchte, dass er später normal leben kann. Da liegt er in meinen Armen und entspannt sich. Anfangs schreckte er bei jeder Berührung zusammen und begann zu weinen, war doch Berührung für ihn gleichzeitig Behandlung seitens Ärzten und Pflegerinnen, die ihn drehten, stachen, Zugänge legten,… Ich wollte ihn so oft es ging auf dem Arm haben, was nun, nachdem die Atemmaske ab ist, wesentlich leichter fällt. Mit jedem Kuscheln, wurde Yorik ruhiger, merkte, dass ich ihm nicht wehtue, sondern ihm Liebe gebe. Es sind so wunderbare Momente, wenn ich mit ihm schmuse, seine zarte Haut spüre, seinen Duft einatme,… Er schenkt mir seit gestern immer wieder ein Lächeln, wenn ich seine Nase kitzle oder die niedliche Stirn küsse, die er dann in die gleichen Falten legt, wie sein Papa es immer tut.
Als der Kinderarzt zur Vorbesprechung kam, lag Yorik friedlich und entspannt schlafend in meinen Armen und ich fühlte mich umso schlechter, denn während er sich sicher und geborgen fühlte, musste ich besprechen, wie sie mein Baby aufschneiden werden.
Da kann man noch so sicher wissen, dass es ihm nutzt und rettet, man fühlt sich trotzdem schlecht und als ob man sein Kind zur Qual freigeben würde.

Ich bin die erste Nacht im Hotel. Keine 15min Fußweg von meinem Kind entfernt und doch, als sei ich Meilen weg. Alles hier ist wunderbar und noch mehr schäme ich mich, denn während ich hier im Luxus sitze, liegt mein krankes Kind auf der Intensivstation und kämpft um sein Leben.
Gerade war ich draußen, eine Zigarette rauchen. Es war nicht die Nikotinsucht, die mich hinaus trieb. Nein, diesmal musste die Kippe als Ausrede herhalten, um mich im Schlafanzug, mit Jacke vor die Tür stellen zu können und die Kälte der Nacht durch meinen Körper fahren zu lassen. Ja, es war kalt, schneidend und tat weh. Aber ich wollte es spüren, wollte diesen Schmerz, denn er fühlte sich in dem Moment so richtig an,… so als würde der Schmerz für einen Bruchteil das Schuldgefühle eindämmen oder mir sagen „Wenn ich leide, leidet Yorik vielleicht weniger“. Dass das Blödsinn ist, weiß ich besser, als manch Anderer, aber ich brauchte das eben und weiß nicht einmal warum.
Warum kann ich meinem Sohn das alles nicht abnehmen?
Reicht es denn nicht, dass mein verdammter Körper erst zuließ, dass er überhaupt krank wurde und dann auch noch versagte und ihn nicht mehr versorgen wollte?
Verdammt, ich hasse diesen Körper, in dem ich stecke, der mein Kind nicht schützen konnte und dem es nun gut geht, während mein Baby all das durchmachen muss!

All diese Gedanken werden für vernunftsgewohnte Menschen Kopfschütteln verursachen, aber ich will jetzt nicht vernünftig sein, will nicht rational denken und einfach stupide annehmen, was mein Herz nicht akzeptieren kann. All dieses leiden in meinem Herzen, fühlt sich an, als sei ich damit etwas näher bei Yorik. Nicht körperlich, sondern in der Seele. Ja, ich will leiden, weil ich dann etwas mehr das Gefühl habe, ihm etwas abnehmen zu können oder ihn wenigstens zu unterstützen. Und auch da weiß ich, wie wenig Sinn es macht. Aber ist Sinn dabei wichtig, wenn ein Baby und seine Mama leiden? Ich denke nicht!
Heute fahre ich nachmittags mit nach Hause. Ein paar Stunden mit den anderen Kindern zusammen sein, Wäsche waschen,…. Mittwoch geht es dann zurück. Achim kommt mit und bleibt über Nacht bei mir im Hotel. Wir wollen gemeinsam bei ihm sein, wenn er operiert wird und dann wieder auf Intensiv kommt. Auch wenn wir wissen, dass Yorik zunächst in Narkose bleiben wird, um die Schmerzen nicht zu spüren und auch wieder an die Beatmungsapparate angeschlossen wird, wollen wir an seiner Seite sein, in der Hoffnung, dass unsere Liebe vielleicht ein bisschen für ihn spürbar ist und er ganz tief im Inneren weiß, dass wir bei ihm sind.
Donnerstag fahre ich Achim dann wieder heim und bleibe allein wieder hier, beim Kleinen. Vielleicht kann Achim Anfang der Woche 1-2 Tage hier bleiben und dann endlich unseren Sohn im Arm halten, denn auch das war ihm noch nicht gegönnt.
Ich will versuchen, am Mittwoch eine Kerze anzuzünden, die für meinen kleinen Bobbel, meinem Yorik brennt. Sie soll ihm Kraft und Schutz geben, Mut und Hoffnung, sowie unsere Liebe und den festen Glauben daran, dass alles gut gehen wird.

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