120 Tage

So viele Monate habe ich nichts in dieses Tagebuch geschrieben. Nicht, weil ich vergessen oder verdrängen wollte, sondern einfach, weil ich nicht bereit war, zu viele meiner Gedanken zu teilen.

Ich versuchte sie in meinem Herzen zu verschließen, zu hüten, wie einen kostbaren Schatz, zu wiegen, zärtlich, wie eine Mutter ihr Baby wiegt.

Oft saß und sitze ich da, spreche zu meinem kleinen Wikinger, erzähle ihm, was diese, seine Familie erlebt hat und lache dann, unter Tränen der Vermissen, während ich ihn frage „Warum erzähle ich Dir all das, wenn ich doch sicher bin, Du erlebst all das mit uns. Nur eben aus einer anderen Perspektive?“

Ich wusste, dass meine Liebe und Verbindung zu Yorik nicht weniger wird, wenn ich meine Gedanken teile, aber irgendetwas in mir forderte, meinen kleinen Schatz der Trauer, zu hüten. Manchmal sprach ich im Kreis meiner Familie über das, was ich fühle. Aber nur selten außerhalb, Anderen gegenüber. Vielleicht war es das Misstrauen gegenüber den Menschen, von denen ich nie wirklich erkannte, wer tiefes Mitgefühl empfand, sich verbunden fühlte oder einfach nur darauf hoffte, etwas in Erfahrung zu bringen, was noch einmal eine kleine Sensation hochleben lässt, um den „Fall des behinderten Babys“ wieder in der Klatschpresse aufwärmen zu können.

Wie hartnäckig die Gerüchte auch noch drei Jahre nach dem Tod meines kleinen Sohnes köcheln, wurde uns bewusst, als man uns zutrug, was alles weiterhin erzählt wird. Für einige Menschen sind wir nicht trauernde Eltern, die mit dem Schlimmsten, dem Verlust ihres Kindes, umzugehen lernen müssen, sondern wir sind die, mit dem behinderten Kind, für das es besser war zu sterben, weil es ja ohnehin kein schönes Leben zu erwarten gehabt hätte.

Mittlerweile ärgert mich ein solches Gerede nicht einmal mehr. Ich habe aufgegeben, den Leuten zu erklären, welch zauberhafte Lächeln mein kleiner Wikinger uns schenkte und damit zeigte, dass er den Moment und unsere Nähe genoss.

Ich habe aufgegeben, Anderen zu erklären, dass Trisomie 21 ein Gendefekt ist, der bereits bei der Zeugung festliegt und durch ein Ungleichgewicht in der Zellteilung der elterlichen Zellen, entsteht. Warum sollte ich Menschen, die so dumm sind, zu behaupten, Trisomie 21 entstände, weil „man ein Kind im Suff zeuge“ oder weil „die Eltern es inzestuös gezeugt hätten“, auch nur im Ansatz begreiflich machen wollen, was ihren niedrigen IQ einfach überfordert?

Die Dummen sterben eben nie aus und versuchen doch, überall mitzureden. Bevorzugt über das Leben Anderer. Das wird sich nie ändern. Und eigentlich amüsiert es mich inzwischen fast, wenn ich nach all der Zeit ein neues Gerücht um meinen Sohn zugetragen bekomme. Zeigt es doch auch, von welcher Langeweile das eine oder andere Dasein geprägt ist.

Langeweile. Ein Wort, das wir zum Glück nicht zu unserem Lebensmotto machen brauchten. Zu sehr waren die Monate, die sich zu Jahren aneinander reiten, von schönen und weniger schönen Dingen erfüllt, die uns keine Zeit ließen, darüber nachzudenken, wie wir unsere Tage füllen könnten. Und die Zeit seitdem Yorik uns körperlich verließ, war tatsächlich erfüllt von Höhen und Tiefen, die uns zeigten, das Leben geht weiter.

Viele Monate versuchten wir noch einmal schwanger zu werden, bis es endlich klappte. Und dann verlor ich das Kind bereits wenige Wochen, nachdem ich von seiner Existenz erfuhr. Es hatte zu einem Zeitpunkt aufgehört sich zu entwickeln, als eigentlich sein Herz beginnen sollte, zu schlagen. Doch das erfuhren wir erst drei Wochen später.

Ich kämpfte um das Recht, eine natürliche Fehlgeburt haben zu dürfen, wollte nicht in einem Operationssaal ausgeschabt werden, als müsse man mir etwas entfernen, was mich krank macht. Es war eine Chance für meinen Körper, mir zu beweisen, dass er doch funktionierte und trotzdem die Umstände unendlich traurig waren, durfte ich in der Fehlgeburt auch erleben, dass ich diesem, meinem Körper, doch vertrauen konnte.

Für Wochen fiel ich dennoch wieder in ein tiefes Loch. Erst Yorik zu verlieren, dann dieses winzige, werdende Leben, schien mir klarmachen zu wollen, dass ich abzuschließen hatte, nicht mehr fähig war, ein gesundes Kind zu bekommen. Gestützt wurde diese „Tatsache“ noch, da eine weitere Schwangerschaft zudem auch nicht mehr eintreten wollte. Und schließlich gelangte ich an den Punkt, wo ich selbst mich gegen eine Schwangerschaft sperrte.

Meine Seele konnte nicht mehr damit umgehen, auf dieses Wunder zu warten, das doch nicht eintreten würde. Jeden Monat bangen und hoffen, um wieder enttäuscht zu werden, bewiesen durch heftige Regelblutungen, die mir manchmal suggerierten, sie saugen mir alle Energie aus dem Körper.

Nein, ich wollte doch kein Kind mehr, sondern mich nur noch auf meine Familie, in der Konstellation, wie sie eben war, konzentrieren, auf meinen Job, der mich beanspruchte und auf das Manuskript, das irgendwann hoffentlich auch von einem Verlag genommen werden würde.

In einem historischen Roman verpackt, gab ich einem Protagonisten, den ich beschrieb, wie ich mir Yorik vorstellte, hätte er bleiben und aufwachsen dürfen, das Leben, das Yorik nicht haben durfte. Aber trotzdem mich eine der führenden deutschen Literaturagenturen unter Vertrag nahm, fand sich kein Verlag. Meist gab es kaum eine Begründung, warum, doch dann lieferte mir eine Absage das, was ich bereits befürchtet hatte. Man wollte keinen historischen Roman, in dem eine der Hauptfiguren das Down-Syndrom hatte.

Ein wenig enttäuscht war ich schon, aber nichts würde mich an meinem Roman zweifeln lassen. Er würde nie gedruckt werden, aber er ist dennoch etwas, auf das ich sehr stolz bin und bleibe.

An dem Punkt, wo ich entschied, nicht mehr darauf zu warten, noch ein letztes Mal schwanger zu werden und darüber nachdachte, ja bereits plante, mir die Gebärmutter wegen der starken Blutungen entfernen zu lassen, geschah das Wunder. Ich wurde wieder schwanger.

Wochenlang hüteten mein Mann und ich das Geheimnis. Die Angst, auch dieses Kind wieder zu verlieren, war einfach zu groß. Als sich zeigte, dass sich das Baby gut entwickelt und in meinem Bauch heranwächst, kam die nächste und mächtige Angst dazu, was wäre, wenn auch dieses Kind einen schweren Herzfehler haben würde.

Das Down-Syndrom ängstigte uns nicht.

Monat für Monat gingen ins Land und Dank einer wunderbaren Hebamme und eines grandiosen Frauenarztes, die uns als Eltern und Familie betreuten, schafften sie es, mit jeder Untersuchung, die uns ein gesundes und kräftiges Kind zeigte, immer mehr die Schatten der Angst zu vertreiben, bis schließlich die Freude größer war.

Hier warteten noch immer Yoriks Bett und so viel Zubehör darauf, dass er nach Hause kommen würde. Wie oft, in der Vergangenheit hatte ich geweint, weil er all das nie gebrauchen konnte und wie oft verwarf ich die Gedanken, mich von diesen Dingen zu trennen?

Sie waren verwaist, ähnlich, wie ich. Unser Schicksal war miteinander verbunden und ich konnte diese Dinge nicht weggeben. Nun erwachten wir regelrecht wieder zum Leben, erwarteten gemeinsam den Moment, an dem unser Baby auf die Welt käme und mit nach Hause dürfte, statt sein Leben in der Klinik verbringen zu müssen.

An einem Punkt gab es Tränen und Missverständnisse. Als sich herausstellte, dass wir ein kleines Mädchen erwarteten.

Es war der erste Moment der Panik, als ich dachte, dass so vieles, das wir fürs Baby noch von Yorik hatten, für einen Jungen war und ich befürchtete, mich nun von den Sachen meines kleinen Wikingers trennen zu müssen, um eben Mädchensachen zu kaufen. Völlig konfuse und irrationale Gedanken schossen mir durch den Kopf und ließen mein Umfeld denken, ich sei traurig, ein Mädchen zu bekommen. Das war ich allerdings in keinem Moment.

Sicher, es wäre schön gewesen, auch einen gemeinsamen Sohn aufwachsen sehen zu dürfen. Wir wussten, dass wir wundervolle Töchter haben, nicht aber, wie ein Sohn von uns sein würde, dürfe er bleiben. Aber ich wünschte mir niemals, dass das kleine Mädchen in meinem Bauch eben kein Mädchen sein sollte. Im Gegenteil, manchmal sagte ich lachend, dass ich sie schon in der Schwangerschaft nicht mehr hergeben würde, aber auch kein Problem hätte, würde sich noch ein versteckter Zwillingsbruder zeige. Sie wuchs in meinem Bauch und ich hatte wohl die schönste Schwangerschaft von allen. Mein Mann, meine Kinder, alle nahmen Teil und umsorgten mich. Einer meiner älteren Söhne distanzierte sich zwar, aber ich spürte schnell, dass er eigentlich nur Angst hatte. Angst, wieder ein Geschwisterchen zu lieben, das er dann gehen lassen musste, wäre es wieder schwer krank.

Wir sagten kaum jemandem etwas von meiner Schwangerschaft, einfach, weil wir keine Lust darauf hatten, uns erklären zu sollen, ob das den „nötig“ gewesen wäre, warum wir „den Hals nicht voll“ bekämen und uns anzuhören „Na, hoffentlich ist das Kind wenigstens gesund“.

Selbst innerhalb der Verwandtschaft blieben wir verschwiegen. Wir wussten, dass einige Verwandte sich Sorgen machen würden, ob alles gut geht und diese Last wollten wir niemandem zumuten.

Dann war es soweit. Einen Tag nach meinem 44. Geburtstag erblickte Tamy-Nyah Charlotte das Licht der Welt. Gesund, stark und unerwartet kräftig. Ich hatte nachweislich keine Schwangerschaftsdiabetes und doch hielt ich mein Töchterchen mit einem unglaublichen Startgewicht von 4.440 g in den Armen. Ein ganzes Kilo schwerer, als mein bis dahin schwerstes Kind.

Vergessen war all die Angst in der Schwangerschaft. Ich hielt diesen Wonnegnubbel in meinen Armen und weinte vor so viel Glück, dass ich es einfach nicht fassen konnte. Mein Mann und ich sahen uns so oft tief in die Augen, nickten uns wortlos zu, wenn die Kleine in unseren Armen lag und wussten, was der Andere dachte: diese kleine Prinzessin hatte uns der kleine, große Bruder geschickt, damit wir der Sonne eine Chance geben, wieder in unserem Leben scheinen zu dürfen.

Bis auf einem meiner Söhne, der beruflich nur am Wochenende nach Hause kommen konnte, standen meine Kinder und meine Enkelin, im Zimmer der Wöchnerinnenstation, als es nach Hause ging. Es war ein Zeichen, dass wir zusammenhalten, gemeinsam dieses kleine wunderschöne Mädchen nach Hause holen und es kullerten Tränen über unsere Wangen, als wir sie durch die Tür der Klinik hinaus trugen. Zum Einen, weil wir an Yorik dachten, den wir auch so gern mit nach Hause genommen hätten, wenn es denn möglich gewesen wäre, zum Anderen eben weil wir Tamy mit nach Hause nehmen konnten.

Mein Wochenbett hatte ich im Kreise meiner Familie. Immer war mindestens einer von uns um Tamy herum und nachts schliefen mein Mann und ich nah bei ihr, als behüteten wir ein Nest mit einem zerbrechlichen kleinen Küken darin.

Selbst mein Sohn, der sich in meiner Schwangerschaft zurückgehalten hatte, wurde immer verrückter nach Tamy, je mehr er sicher sein könnte, dass sie gesund ist und somit bei uns bleibt.

Besonders rührte mich, dass wir oft Emily suchten und sie bei der schlafenden Tamy fanden. Manchmal saß Emmy ein oder zwei Stunden schweigend neben ihrer jüngsten Schwester und schaute sie einfach nur an, als könne sie das Wunder nicht begreifen. Wie sehr hatte sie damals gelitten, als ihr kleiner Bruder ging, dem sie doch als Helferin vom Nikolaus sogar sein Geschenk auf die Intensivstation gebracht hatte und der uns dann doch verlassen musste.

Tamy hat sich prächtig entwickelt und ist ein aufgewecktes Mädchen. Es scheint, als wolle sie all das Schöne im Leben, das da draußen auf sie wartet, mit doppelter Freude erleben. Wir erzählen ihr oft von ihrem großen, so besonderen Bruder, der uns allen vorausging und den wir eines Tages wiedersehen werden. Sie liebt seinen Winnie Puuh, den Bären, mit der leuchtenden Schmusedecke und den harmonischen Schlafmelodien, der, neben dem Seepferdchen, zu Yoriks Freunden gehörte, die immer an seiner Seite waren. Lange haben wir überlegt, ob wir Tamy den Puuh geben sollen und uns schließlich dafür entschieden. Wir sind davon überzeugt, dass Yorik, hätte er bleiben können, um in unserer Familie aufzuwachsen, etwas, das er selbst als Baby geliebt hat, an Tamy vererbt hätte. So bekam sie eine Kuscheldecke von ihren Schwestern Emmy und Romy, die die beiden lange begleitete und den Puuh von Yorik. Und einmal sagte Romy zu mir, dass sie sich vorstellt, wenn Tamy in ihrem Bettchen liegt, das einst vergeblich auf Yorik wartete und sich vom Puuh in den Schlaf singen lässt, dass Yorik neben dem Bettchen steht, liebevoll zu Tamy blickt, ihr über das rosige Gesicht streichelt und besonders stolz auf seine kleine Schwester ist.

Ich glaube, sie hat Recht. Zumindest ist das eine wundervolle Vorstellung, die Trost und Wärme gibt.

Heute, da ich dies schreibe, ist ein schwerer und schöner Tag zugleich. Schwer, da Tamy heute 120 Tage alt ist. So alt, wie Yorik war, als er von uns ging und seinen kleinen, kranken Körper verließ. Schön, weil unsere kleine Prinzessin nicht nur diese 120 Tage leben darf, sondern hoffentlich noch unzählbar viele Tage vor sich hat.

Sie wächst auf, in dem Bewusstsein, dass ihr Bruder Yorik-Finnley, auf besondere Weise bei uns ist, sie und uns alle beschützt und behütet.

Wenn ich meine jüngste Tochter anschaue, beobachte, wie sie strampelt, sich aufzurichten versucht und vor Lebendigkeit strotzt, bin ich glücklich und weine doch manchmal. In diesen Momenten nimmt mich Achim einfach nur in den Arm. Er weiß um meine Gedanken. Diese Freude, dass Tamy sich bewegen darf, strampeln, zappeln, vor Freude quieken und niemand sie sediert, damit sie still liegt, wie es ihrem Bruder erging. Und mit Tränen in den Augen ermuntern wir sie, ihre Lebensfreude auszudrücken, während ich oft dabei zu Yoriks Bild schiele, ihm zuzwinkere und flüstere „Danke,Spatzi, ich liebe Dich für immer!“

Keine Kommentare mehr möglich.