Ein letztes Mal sehen

Heute durften wir YoFi ein letztes Mal sehen und seit dem Morgen, wo uns die Uhrzeit für den Nachmittag genannt wurde, drehte ich fast durch, vor Aufregung und Angst.
Einerseits freute ich mich so sehr, meinen kleinen Prinzen noch einmal sehen zu dürfen, andererseits hatte ich unglaubliche Angst, sein kleiner Körper könnte sich bereits so verändert haben, dass ich ihn nicht mehr wieder erkenne.
Es ist so unvorstellbar grausam, sich auch mit den Gedanken auseinander setzen zu müssen, dass der Körper, der nach dem Tod zurückbleibt, dem Verfall ausgeliefert ist. Eine Mutter erinnert sich an Wärme, den Duft ihres Kindes, wie sich die zarte Haut anfühlte und muss sich dann damit auseinandersetzen, dass dieser geliebte, kleine Körper sein „Verfallsdatum“ überschritten hat, als die Seele ihn verließ. Wie kann man das akzeptieren?
All unsere Kinder, Partner unserer ältesten Töchter und auch unsere älteste Enkelin Zoe, begleiteten uns am Nachmittag. Der Bestatter empfing uns vor der Tür und vor lauter Nervosität sagte ich nur kurz „Guten Tag!“ und drückte ihm die Seile in die Hand, die wir am Tag zuvor vom Friedhofsmitarbeiter leihweise mitbekommen hatten.

Jeden Tag versuchten wir uns zu beschäftigen, so gut es eben ging, um nicht zu viel nachzudenken, nicht jetzt schon in das tiefe Loch der Trauer zu fallen, das uns bremst, um die Kraft zu finden, unseren YoFi bestatten zu können. Also kümmerten wir uns um die Blumen, fuhren viele Kilometer, um genau die Vergissmeinnicht zu bekommen, die die Floristin dann in Gestecke und Sträuße verarbeiten würde und als die Blumen besorgt, Gestecke bestellt und bezahlt waren, die Traueranzeige aufgegeben war, standen wir Mittwoch hilflos da und wussten nicht, was wir noch tun könnten. Den Kindern erging es ebenso wie uns. Jessi stürzte sich mit einigen Freundinnen in die Planung der Bestattung, ging mit ihnen den möglichen Ablauf durch, organisierte mit ihnen, lenkte sich so von dem Schmerz ab.
Timo und Micky versuchten die Kleinen abzulenken, spielten noch mehr als sonst mit ihnen, lasen ihnen vor, brachten sie sogar zu Bett, um etwas zu tun zu haben, was eben nicht bedeutet dazusitzen und nachzudenken. Sie kümmerten sich um die kleinen Schwestern, damit wir alles andere organisieren konnten. Doch wenn die Kleinen, die noch nicht wirklich verstehen können, dann im Bett waren, saßen wir zusammen und sprachen automatisch all das aus, was wir zu verdrängen versuchten.
An einem dieser Abende, drucksten meine Söhne herum. Es war, als läge ihnen eine wichtige Frage auf der Seele, die sie sich nicht trauten auszusprechen. Also hakten wir nach und schließlich setzten sich Timo und Micky gerade auf, sahen uns fest an und fragten „Dürfen wir YoFi in seinem Sarg zum Grab tragen?“
Wir redeten lange darüber und uns war bewusst, wie viel unseren Jungs dies bedeuten würde. Ihren Bruder tragen zu dürfen, sollte eine Ehrerweisung an ihn sein, ein Letztes, was sie für ihn tun konnten und es bedeutete ihnen so viel. Also rief ich am nächsten Tag den Bestatter an, um ihn zu fragen und er sagte sofort zu, dass er den Wunsch unserer Söhne unterstützen würde.
Nachdem wir Mittwoch die Traueranzeige in Auftrag gegeben hatten, standen wir schlagartig vor einem Nichts dessen, was wir nun tun konnten. So fuhren wir zum Friedhof, in der Hoffnung, vielleicht schon sehen zu können, wo das Grab unseres Kindes sein würde. Ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung, führte uns zu der Ecke, wo die Kindergräber sind, zeigte uns die Stelle und beantwortete all die Fragen, die wir zur Beerdigung und der Grabpflege später hatten. Wir sagten ihm, dass unsere Söhne den Sarg tragen wollen und er gab uns die Stricke mit, damit sie zu Hause üben konnten, denn es ist nicht so leicht, wie man vermuten mag, in respektvoller Gleichmäßigkeit, einen Sarg in die Erde zu lassen.
Schließlich bezogen wir auch Werner, den Ehemann unserer Ronja mit ein, sowie Daniel, Jessis Freund und YoFis Pate. Am Abend trafen wir uns bei Ronja und Werner. Die Jungen schoben sich zwei Sofas gegenüber, nahmen einen Wäschekorb, dem sie noch Gewicht gaben und dann übten sie mit einer unbeschreiblichen Ernsthaftigkeit und Durchhaltevermögen, bis Tempo und Gleichmäßigkeit beim Herablassen, sie zufrieden stellten.
Trotzdem wir alle wussten, wie notwendig das Üben war, fühlte sich niemand, vor allem die vier Männer, nicht wohl dabei. Schließlich wussten sie, dass sie damit übten, den Körper unseres kleinen Prinzen in eine kalte, feuchte Grube legen zu können. Aber keiner von ihnen, selbst Micky, mit seinen fünfzehn Jahren als der Jüngste unter ihnen, gestand sich zu, einen Rückzieher zu machen. Wir boten es ihnen an, aber je mehr wir ihnen versuchten zu verdeutlichen, dass es keine Schwäche ist, wenn sie dies nicht tun, je fester wurden sie in ihrem Beschluss. Dies war für sie die größte, ihnen noch mögliche Ehrerweisung an unseren kleinen Prinzen und sie würden sie ihm geben, egal was da auch käme.

Nun standen wir also vor der Friedhofskapelle, in deren Innerem der Sarg mit unserem YoFi aufgebahrt sein würde. Als die Tür sich öffnete, vergaß ich einen Moment all die Anderen an unserer Seite und ging voraus, Emmy an meiner Hand.
Theoretisch zu wissen, wie klein der Sarg für den kleinen Körper unseres Prinzen sein würde, ist eine Sache, diesen winzigen Sarg dann zu sehen, eine ganz andere. So verloren, fast übersehbar klitzeklein, stand er auf dem flachen Tisch.
Emmy und ich setzten uns auf die Stufen neben dem Tischchen und in dem Moment zeigten uns die Kleinen, dass Kinder mit einer so herzergreifenden Unbekümmertheit dem Tod begegnen, dass wir Erwachsenen schon so geprägt mit all den negativen Beigeschmäckern des Todes behaftet sind, denn während ich noch stumm und unter Tränen in den Sarg starrte, meinen kleinen Sohn betrachtete, der dalag, als schliefe er so friedlich und in seinen kleinen Händchen seinen Schmuseteddy hielt, beugten sich Emmy von links und Zoe von rechts über ihn, streichelten das zarte Gesicht, küssten YoFi auf die Stirn und begrüßten ihn, als besuchen sie ihn in der Klinik und er schaut sie wach an.
Ich brauchte einen Moment, um dieses Bild in mir aufzunehmen. Es war so herzlich, so warm, fast freudig. Dann traute auch ich mich, meinen Sohn zu berühren. Mein Zögern lag nicht an der Angst dem Tod zu begegnen, sondern vielmehr daran, dass ich mich an weiche warme Haut erinnerte, von der ich wusste, dass ich sie jetzt nicht mehr so spüren können würde, wie ich es gewohnt war, wie ich es all die Monate so geliebt hatte.
Die kleinen Finger, die Wangen, die Stirn, die sich so entzückend kräuselte, wenn YoFi mich früher angesehen hatte, waren so unbeschreiblich kalt. Seine Haut fühlte sich fest an, nicht mehr weich und nachgiebig, und für einen Moment erschrak ich vor diesem unbekannten Gefühl, mit dem meine Hände ertasteten, was mein Herz nicht verstehen will: Der Körper meines Kindes lebt nicht mehr.
Ich nahm nicht mehr wahr, was um mich herum geschah, sah meine Familie nicht mehr, selbst dann nicht, wenn ich sie direkt anblickte und mit ihr sprach. Immer wieder fixierte ich den Anblick meines Babys, wie es dort lag, warm eingewickelt, beschützt und begleitet vom Teddy und je länger ich meinen YoFi anschaute, je mehr wurde mir bewusst, dass ich ihn heute zum letzten Mal körperlich würde berühren können.
Aber so sehr es auch schmerzte, sich dem bewusst zu sein, so wichtig war es für uns alle auch, denn YoFis verlassenen Körper anzufassen, zeigte uns, mit all seiner grausamen Deutlichkeit, dass unser kleiner Prinz nicht mehr in diesem kleinen, geliebten Körper wohnt. Es war, als sagt eine leise Stimme aus weiter Ferne „Ich bin nicht mehr dort drin, aber ich weiß, dass Ihr dem Körper, der mich  irdisch mit Euch verband, einen Platz geben werdet, ihn nicht vergesst und an einen Ort bringt, an dem Ihr meiner auch außerhalb Eurer Herzen, ganz besonders gedenkt.“

Emmy kniete sich wieder neben dem Sarg nieder. Auch Zoe, auf der anderen Seite und am Kopfende kniete Romy. Als nahmen sie YoFi beschützend in ihre Mitte. So viele Zärtlichkeiten schenkten sie ihm, so viele liebe Worte richteten sie an ihn und schließlich tat Emmy das, was sie schon getan hat, als ihr kleiner, so geliebter Bruder, noch in meinem Bauch war und mit dem sie ihm ihre Liebe zeigen, sich ihm vertraut machen wollte. Leise, kaum hörbar, sang sie ihm das Lied vor, das sie Beide so sehr miteinander verband „Funkel, funkel, kleiner Stern“. Währenddessen streichelten Zoe und Romy YoFi weiter, hielten ihren kleinen Kreis um ihn geschlossen. Es war, als hätten sie sich ohne Worte miteinander abgesprochen, taten einfach, ließen sich vom Gefühl lenken und strahlten dabei pure Liebe aus.
Als wir schließlich schweren Herzens gehen wollten, mussten, nahm Emmy den Glastropfen, den sie seit YoFis Taufe als Erinnerung aufgehoben hatte, legte ihn auf die Stirn ihres kleinen Bruders und flüsterte ihm zu „Der Zauberstein zaubert Dich gesund, mein Spatzi. Er beschützt Dich und bringt Dich nach Hause. Am Montag bist Du gesund und kommst nach Hause, ja? Der Zauberstein hilft Dir dabei, uns zu finden.“ dann steckte sie den Glastropfen in ihre Tasche, küsste YoFi ein letztes Mal auf die Stirn und sagte „Wir können gehen. Yorik weiß jetzt, wie er uns findet.“
Dann verließen alle, außer Micky und ich, die Kapelle. Micky, der all die Monate so tapfer versuchte stark zu bleiben, sich verbot einzuknicken, hatte die ganze Zeit mit Abstand zum Sarg gestanden. Ich machte mir Sorgen um ihn, wollte nicht, dass er sich disziplinierte, wo doch all die Gefühle in ihm wüteten. Also legte ich meinen Arm um ihn und ging ganz nah zu YoFi. Dort streichelte ich die kleine Hand unseres Prinzen noch einmal, nahm Mickys Hand und führte sie bis nah vor Yoriks kleine Finger. Und endlich brach ein kleines Stück des Eises in meinem mittleren Sohn. Sacht streichelte nun auch er die winzige Hand des Bruders, dem er doch so viel zeigen wollte und eine einzelne Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel. Ich drückte Micky noch etwas fester und als wir Arm in Arm hinaus gingen, sagte ich ihm, dass diese Träne ein besonders kostbares Geschenk ist, dass er unserem YoFi hier lässt. Micky schluckte, nickte nur und dann gingen auch wir hinaus, verließen den
Ort, an dem wir unseren kleinen Prinzen ein letztes Mal sehen konnten und wussten, YoFi hatte uns, wie auch zu Lebzeiten, auch dieses Mal etwas mitgegeben. Sein größtes Geschenk an uns, seine Kraft und Liebe, die nie vergehen werden.

3 Kommentare

  1. Liebe Sylvia und Familie,

    ich begrüsse es sehr, dass Ihnen das Bestattungsinstitut die Möglichkeit eingeräumt hat, Yorik-Finnley nach Klinikausgang nochmal sehen zu dürfen. Für die Geschwisterkinder und für Sie liebe Sylvia ist es ein Stück bleibende Erinnerung fürs Leben geworden. Ihre gebrochene Herzen haben diese Bilder der Stille, am offenen Sarg von klein Yorik-Finnley in sich aufgenommen und trägt somit zur Trauerbewältigung bei. Zeitlebens werden diese Momente der Stille für Sie unvergessen sein. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute! LG Beate

  2. visnja weichert |

    LIEBE SYLVIA ICH HOFFE DU HAST DEN WEG EINIGERMASSEN GUT ÜBERSTANDEN ALS DU YOFI NICHT YOFI SEINEN KLEINEN KÖRPER AUF DEN LEZTENWEG BEGLEITEN MUSSTES DU HAST BIS JEZT ALLES SEHR GUT GEMEISTER UND DAS WIRST DU AUCH WEITER UND WEN DU NICHT MEHR WEITER WEISST DANN WEINE EINFACH UND ES GEHT DIR EIN BISSCHEN BESSER ER WIRD IMMER BEI DIR SEIN UN DICH BEGLEITEN DER KLEINE STARKE KÄMFER ICH BEWUNDERE IHN SO SEHR :FÜHL DICH GEDRÜCKT LG VISNJA

  3. ich bin so stolz auf euch alle, liebe Sylvia…

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