Tag der Darm-OP

Gerade haben wir die Kerze für Yorik angezündet. Eine dicke, grüne Kerze, die hoffentlich heute den ganzen Tag brennen wird.
Achim, die Kinder und ich, saßen drum herum und dachten an unseren kleinen Kämpfer, als wir den Docht ansteckten, begleitet von unseren Wünschen, dass Yorik die OP gut übersteht, bald gesund sein wird und schnell mit zu uns nach Hause kommen kann, um sich dann hier von uns verwöhnen zu lassen.
Nun hängt die Laterne mit der Kerze am Balken, hoch über unseren Köpfen und wirkt wie ein Leitlicht und Hoffnungsspender gleichzeitig. Die Mädchen spielen, verstehen sie doch noch gar nicht, was geschieht. Timo und Micky beseitigen gerade in der Küche das Chaos der Kröten, die im guten Willen, ihrem kleinen Bruder auch etwas geben zu können, einen Kuchen backen wollten und dabei ein volles Paket Mehl verteilten. Zumindest lenken die Mädchen uns ab.

Bevor wir gestern die MHH verlassen konnten, warteten wir über 6 Stunden auf einen Kinderchirurgen, damit wir Aufklärung und unser Einverständnis unterschreiben können, ohne die die OP nicht durchgeführt werden darf. Ich war nach dieser Zeit so am Ende, dass ich einen kleinen Nervenzusammenbruch hatte. Erst Achim, dann ich, ranzten den Arzt an, wie oft man uns noch mit „Es kommt gleich jemand zu Ihnen“ vertrösten will, dass jetzt gut sein müsste und wir JETZT das Gespräch fordern.
Dann die Anästhesistin, die sich dafür entschuldigte, dass sie uns auch über die Gefahr der Reanimationsnotwendigkeit aufklären müsse, genauso über die Lebensgefahr. Jeder, der bereits ein solches Gespräch für die OP eines Kindes geführt hat, weiß sicher, wovon ich gerade spreche, welches Grauen einen dabei durchläuft und dass man am liebsten schreien möchte, dass man nicht mehr gewillt ist, sein Kind einem solchen Risiko auszusetzen. Im Gegenzug dagegen weiß man jedoch, dass man das Kind ohne die OP ganz sicher verlieren würde… Und es zieht sich wie eine Schlinge um den Hals, man greift den Stift, unterschreibt und fühlt sich schlecht.

Dann der Kinderchirurg, der ausschweifend begann, er würde uns nun erklären, was gemacht wird, welche Methoden eventuell,…
Ich fiel ihm ins Wort. Weder Achim und ich hatten jetzt noch die Kraft uns anhand der Kopfbilder diesen Film anzuschauen.
„Bitte denken Sie nicht, wir wären desinteressiert,“ sagte ich „aber seit Juli setzen wir uns immer und immer wieder mit der Diagnose und deren Konsequenzen auseinander. Wir wissen, dass unser Sohn nur mit dieser OP eine Chance hat, ein Leben mit einigermaßen guter Lebensqualität zu führen und müssen Ihnen soweit vertrauen, dass Sie und Ihre Kollegen alles dafür tun, unserem Kind zu helfen und es auf den möglichst gesündesten Weg zu bringen. Auch wenn Sie uns aufklären müssen, würden wir sicher die Hälfte gerade gar nicht begreifen. Versprechen Sie uns nur, dass Sie unserem Sohn helfen so gut es geht und dass Sie alles dafür tun, dass wir morgen Abend erleichtert und glücklich über eine erfolgreiche OP an seinem Bett sitzen, um mit Yorik in eine gemeinsame und glückliche Zukunft sehen zu können.“
Der Kinderchirurg sah uns an, nickte und meinte dann, er können uns verstehen. Dann fasste er ganz knapp zusammen „Also, wir werden Ihren Sohn aufschneiden, dann erst genau sehen, wie die Atresie oder Stenose sich verhält und entscheiden uns dann für den Weg, der für ihren Sohn am einfachsten ist. Also könnte ich Ihnen jetzt nicht sagen, dass wir überbrücken oder etwas herausschneiden. Wir werden uns dann für den bestmöglichen Weg entscheiden. Das Risiko nach OP ist dann, dass der Darm sehr lange brauchen könnte, um wieder in Bewegung zu kommen und ich will Ihnen da nicht die Hoffnung machen, dass Ihr Sohn bereits in 1-2 Wochen trinken kann. Unter Umständen dauert es auch 10-12 Wochen, aber das ist dann auch nicht ungewöhnlich.“

Wir waren diesem Arzt so dankbar, dass er nicht bürokratisch und stur all das erklärte, was wir nicht hören wollten. Natürlich fragt man sich, ob man es sich nicht zu einfach macht, wenn man sagt „Wir brauchen nicht reden, macht einfach, denn es muss ja gemacht werden“, aber hätte es etwas für Yorik, uns oder die Ärzte geändert, wenn man uns alle möglichen Methoden und ihre „Wenn“ und „Aber“ vor Augen gezerrt hätte?
Nein, in diesen Punkten wollen wir bewusst derzeit etwas naiver sein und Details erst erfahren, wenn wir glücklich über die gelungene OP sind.

Es ist jetzt 09:15 Uhr. Die Flamme der Kerze brennt ruhig und wirkt so…. Kraft spendend.

Yorik,
ich habe Angst um Dich! Du hast Dich Dein bisheriges Leben so sehr als Kämpfer gezeigt, dass ich Angst habe, Deine Kräfte könnten Dich verlassen. Heute ist eine große Herausforderung, die auf Dich wartet, aber sie ist keine so große Schlacht, wie Du sie bereits gewonnen hast, ohne Dir dessen bewusst zu sein.
Die Zeit in meinem Bauch, überhaupt so groß zu werden, dass Du kräftig geboren werden konntest, war die größte Hürde, die Du auch nur ganz allein nehmen musstest. Niemand konnte Dich dabei unterstützen und Du hast das so zielstrebig und wie selbstverständlich gemeistert, dass man, würde man die Hintergründe nicht kennen, hätte denken können, es wäre ein Spaziergang gewesen. Aber das war es nicht! Du hast nur so stark gekämpft, dass es wie leicht wirkte und das ganz allein, mit so viel Erfolg!
Ich bin so stolz auf Dich, mein kleiner Prinz, mein Bobbel, mein Yorik!!! Von Dir lerne ich, wie viel stärker man kämpfen kann, wie wunderbar der Moment eines Lächelns ist, in einer Welt aus Monitoren und Alarmgebern. Du zeigst mir so unendlich viele Freuden, die wie Wunder sind und ich frage mich, warum sind sie mir nie zuvor SO aufgefallen? Warum hat mich ein Lächeln früher nur glücklich gemacht und dringt heute wie ein Sonnenstrahl in meine Seele? Warum habe ich nicht früher erkannt, dass jeder einzelne Atemzug ein kleiner Sieg, in einer unsichtbaren Schlacht ist?
Yorik-Finnley, Prinz und Wonnegnubbel, ich liebe Dich so sehr, brauche Dich und bitte Dich nur um Eines: Sei heute so stark, wie Du es bisher warst. Diese Schlacht musst Du nicht allein ausfechten, in dieser stehen Ärzte Dir zur Seite. Bleib stark, mein Sohn und, vor allem, bleib bei mir, denn ich brauche Dich so sehr! Ich liebe Dich und bin mit meinem Herzen ganz bei Dir!

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