Besuch der großen Brüder

Donnerstag brachte ich Achim heim, der von Mittwoch an bei mir in Hannover war. Es war richtig und wichtig, dass wir den Tag der OP gemeinsam verbrachten. So konnten wir zusammen bei Yorik sein, aber auch abends ein wenig zusammensitzen, um Dinge anzusprechen, die sich in der ersten Woche aufgestaut haben und sich teilweise wie traumatisierend anfühlen. Mit diesem einen Abend reden, ist es nicht getan, aber wenn wir das, was uns innerlich zerfrisst zumindest in Bewegung halten, bis wir mehr Zeit zum Aufarbeiten haben, können sich die Gefühle nicht so festfressen.

Von Donnerstag auf Freitag kam dann Timo mit und ich glaube, im Hotel denkt man mittlerweile von mir….
Da komme ich ständig mit anderen „Kerlen“ an, die immer jünger werden….
Timo ist gefühlsmäßig hin und her gerissen. Er konnte Yorik noch nicht auf den Arm nehmen, streichelte ihn aber. Dabei machte er sich Sorgen, ob seine rauen Hände die zarte Haut des kleinen Bruders vielleicht verletzen könnten und ob Yorik das Streicheln überhaupt gefiele…
Natürlich hat es Yorik gefallen! Er drehte den kleinen Kopf ein wenig, seufzte und signalisierte damit, dass Timo doch bitte nicht aufhören sollte.
Auf der Rückfahrt kämpfte Timo mit sich. Er dachte, die Gefühle in ihm signalisieren eine Art Ablehnung gegen Yorik und Timo schämte sich deswegen. Wir redeten, denn die Fahrt ist ja lang genug und schnell stellte sich heraus, dass Timo keine Ablehnung empfindet, sondern einfach noch geschockt ist. Die ganzen Eindrücke der Kinderintensivstation haben ihm sehr zugesetzt. Dazu dann dieser winzige Bruder, der an all die Apparaturen, Schläuche und Katheder angeschlossen ist. Timo gestand sich hilflos zu fühlen, Yorik so gern beschützen zu wollen und nicht zu wissen, wie. Das was er für Abstand einnehmen hält, ist also tatsächlich reine Angst und Selbstschutz, sich etwas zu distanzieren, um stark genug für den Kleinen zu bleiben, wenn dieser soweit ist, in den Schutz seiner Familie entlassen zu werden.

Ich nahm Freitag dann Micky mit, der sehr viel lockerer wirkte. Auch er nahm die Eindrücke der Intensivstation mit, aber er suchte sich einen Fixpunkt. Das war Yorik. Da der Kleine sofort auf Mamas Stimme reagiert, wurde er natürlich wach, als wir abends zu ihm kamen. Micky begann gleich, mit ihm zu reden, begrüßte ihn, als hätten sie sich nur kurz nicht gesehen und begann dann damit all die süßen Punkte an Yorik zu entdecken und aufzuzählen. Zwar traute er sich weniger ihn anzufassen, aber am nächsten Morgen drückten wir ihm den kleinen Kürbis dann in den Arm und der große Bruder saß, nach einem anfänglichen Schreck, schließlich ganz entspannt da.
Jetzt herrscht hier zu Hause ein klein bisschen Eifersucht, da Timo Yorik ja noch nicht auf dem Arm hatte, im Gegensatz zu Jessi und Micky. Aber wir werden versuchen, in der nächsten Woche etwas zu organisieren, damit auch Timo Yorik halten kann.

Als ich gestern Micky wieder nach Hause fuhr, blieb ich über Nacht hier. Heute Mittag fahre ich Achim nach Hannover, wir gehen gemeinsam zum Kleinen und dann fahre ich allein zurück. Achim bleibt voraussichtlich zwei Tage in Hannover, um endlich auch etwas mehr Zeit mit Yorik zu haben. Dienstag hole ich ihn wieder ab und fahre selbst ab Mittwoch wieder hin, um dort zu bleiben. So habe ich in den nächsten Tagen auch etwas Zeit mit den Mädchen und fühle mich trotzdem nicht weniger hin und her gerissen, zwischen meiner Familie. Es ist eben, als sei sich unsere Familie wie ein Bild aus Puzzleteilen und irgendwer hat dieses Bild auseinander gelegt. Da sind die einzelnen Teile, von denen man weiß, dass sie passen und immer passen werden, aber wir müssen erst warten, um sie alle wieder zusammenfügen zu können.
Trotzdem steigt die Zuversicht!

Yorik selbst hatte gestern bereits keine Atemhilfe mehr. Der Tubus wurde Donnerstagnachmittag entfernt und die Beatmung durch den CPAP ersetzt, den er auch in den ersten Tagen hatte. Freitagmorgen ersetzte man probehalber den CPAP dann durch einen einfachen Schlauch mit Sauerstoff, der lediglich die Eigenatmung etwas „gehaltvoller“ machen soll. Auch der zusätzliche Sauerstoff wurde gestern abgestellt, um zu schauen, wie eigenständig Yorik die Sauerstoffsättigung hält. Er macht das ganz prima!
Wann nun mit Nahrung angefangen wird, ist noch nicht ganz klar. Ich hatte den Arzt so verstanden, dass man in den nächsten Tagen beginnt, damit, wenn alles gut verläuft, in etwa 10-14 Tagen eigenständige Nahrungsaufnahme klappt. Die Schwester wiederum meinte, man beginne mit der Nahrung über Magensonde erst in 10-14 Tagen. Also müssen wir noch einmal Erkundigungen einziehen.
Insgesamt sind wir aber sehr zufrieden, wie sich unser Kürbis entwickelt. Er steckt das alles mit so viel Kraft weg! Seit Freitag bekommt er keine Schmerzmittel mehr, da er keinerlei Anzeichen macht, überhaupt Schmerzen zu haben. Und gestern widmete er mir tiefe Blicke in seine dunkelblauen Augen, die er sonst meist verschlossen hielt oder beim Öffnen der Lider nach oben wegklappte.

Da man auf der Station nicht so oft ganz kleine Zwerge hat, passen natürlich die Mützen nicht, die man dort hat und ich habe begonnen welche für Yorik zu stricken. Die erste habe ich nun da gelassen, auch wenn sie mehr ein Versuch war. Aber die trägt nun halt einer seiner Freunde, sein Seepferdchen ,it den beruhigenden Melodien, die er schon aus dem Bauch kennt. Aber auch Schmusefreund Pooh, der Melodien-Bär, der extra aus den USA und dank der Hilfe von wirklich tollen Freunden zu uns kam, bekommt noch eine YoFi-Mütze.
Nun warte ich mit Herzklopfen bis heute Mittag, damit wir fahren können. Schließlich habe ich meinen Zwerg seit gestern Vormittag nicht mehr geknutscht!!!

Und heute Abend treffe ich mich dann mit Nikki, Yoriks Ehrenpatin und meiner besten Freundin, die mir in all dieser Zeit ein so wichtiger Halt ist. Ja, heute ist ein Tag, an dem ich mich einfach irgendwie glücklich fühle!

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