Das erste Weihnachten mit YoFi

All die Wochen bis Weihnachten fragte ich mich immer, wie ich es überstehen soll, meine Kinder nicht alle gleichzeitig um mich zu haben, nicht mit ihnen allen am Tisch zu sitzen, zu essen, uns nah zu sein, die Freude der Kinder zu erleben und einfach für einige Augenblicke die Sorgen zu vergessen. Auch wenn wir wussten, dass die Chance, YoFi könne Weihnachten nach Hause, gleich null ist, hofften wir im Inneren doch noch immer ein wenig. Als würde eine kleine Flamme brennen, die diese Hoffnung gibt.
Die Flamme ist immer noch da, auch wenn sie unseren Wunsch nicht erfüllen konnte. Aber sie spendet weiter Hoffnung. Nicht auf Weihnachten, sondern ganz allgemein auf eine lange Zeit, die Yorik in Gesundheit aufwachsen kann, auf zig Jahre, in denen wir gemeinsam Weihnachten feiern. Zu Hause, ohne Angst und Sorgen, dass wir unseren kleinen Prinzen womöglich bald verlieren könnten. Wir träumen von einem erwachsenen YoFi, mit dem wir Weihnachten am Tisch sitzen und darüber reden, welche Ängste wir einst um ihn durchstanden und dass wir stolz auf ihn sind, weil er allen gegensätzlichen Meinungen zum Trotz doch lebt und weiterleben würde. In diesen Träumen sitzt mein kleiner Prinz erwachsen und kräftig zwischen uns, schmunzelt und sagt „Ja, das hätte wohl keiner gedacht, dass ich heute hier sitzen können würde.“ Und genau in diesen Träumen ist er auch alt genug, um mir zu sagen „Mama, ich bin erwachsen. Ihr habt all die Jahre für mich gesorgt und wart immer an meiner Seite, habt mich nie im Stich gelassen, aber jetzt ist es an der Zeit, dass ich beginne mein eigenes Leben zu führen. Ich möchte ausziehen und zeigen, dass ich für mich sorgen kann, will, dass Ihr stolz seid, weil ich das nun kann.“
Dann sehe ich mich nachts, wie ich die Schulter meines Mannes nass weine und weiß, dass mein Baby nun bereit ist, uns zu verlassen. Nicht um für immer zu gehen, sondern weil er lebt, weil er leben möchte und uns zeigen will, wie gut er das auch allein kann.

Am Tag vor Heiligabend, war ich schon früh bei Yorik. Wir schmusten, kuschelten, ich hielt ihn im Arm und erzählte ihm, dass am nächsten Tag zwei seiner großen Brüder und zwei kleine, große Schwestern mit zu ihm kommen würden, um zu schauen, ob der Weihnachtsmann auch den Weg zu Yorik finden würde.
Es war schwer, ihn dann wieder in sein Bettchen zu legen, zuzuschauen, wie er einschläft, bewacht von seinem Pooh, seinem amerikanischen Freund und Beschützer, seinem Seepferdchen und dem Schmusetuch. Auf dem Weg nach Hause heulte ich und war doch wie taub. Heute musste ich stark sein und einfach nur funktionieren, wusste ich, denn es galt, zumindest so gut es eben möglich war, in dieser Situation, ein Weihnachten vorzubereiten, dass immerhin Ähnlichkeit mit den Weihnachtsfesten hatte, die wir sonst erleben.
Stundenlang kochte ich das Menü vor, das wir am heiligen Abend essen wollten. Aber, statt es wie sonst nur kühl zu stellen, fuhr ich es zu meiner ältesten Tochter. Dieses Jahr würden wir Heiligabend bei ihr sein und essen, weil wir anderen nachmittags bei YoFi sein würden und erst zum Essen heim kämen.
Mit Timo, Micky, Emmy und Romy, fuhren mein Mann und ich am Vormittag des 24. Dezember nach Hannover. Die Kröten und Timo waren erkältet, mussten also Mundschutz tragen und so war es im Raum doch grüner, als wir dachten, wenn auch nicht unbedingt weihnachtlicher.

Drei Geschenke bekam unser Prinz, die der Weihnachtsmann uns offiziell gebeten hatte, mitzunehmen. Einen Beißring, eine klingende Rassel und einen Greifling mit Bärenkopf. Auf den Nachttisch stellten wir einen winzigen Kunststoffweihnachtsbaum und YoFi bestaunte alles. Seine Geschenke, schielte zum kleinen Bäumchen, aber am größten wurden die Augen bereits zu Beginn des Nachmittags, als wir eintraten und er uns sah, um uns gleich ein Lächeln zur Begrüßung zu schenken.
Unsere Kröten hielten es nicht allzu lang im Krankenzimmer aus. Wie hätten wir es ihnen verübeln können? Irgendwo liegt doch auch im freundlichsten Krankenzimmer auch eine bedrückende Atmosphäre. Die Jungs nahmen ihre kleinen Schwestern an die Hand und gingen mit ihr zu einer Spielecke im Erdgeschoss der Klinik.
Achim und ich blieben zurück, Yorik im Arm und mir liefen wieder die Tränen. Dieser unbändige Wunsch, die Tür möge aufgehen und der Arzt hereinkommen, um uns zu sagen, dass wir unseren Kleinen mitnehmen dürfen, um alle zusammen Weihnachten zu feiern, war fast greifbar. Nicht nur bei mir, sondern auch bei meinem Mann. Achim schluckte einige Male. Ich sah es aus den Augenwinkeln, dann meinte er, er ginge uns erst einmal einen Kaffee holen.
Mir war ohne Worte bewusst, dass mein Mann einen Moment brauchte, um sich zu fassen, wieder durchzuatmen, damit Lächeln wieder möglich ist, statt traurig mit mir auf den Arzt und die frohe Botschaft zu warten, die ja doch nicht kommen würden.

Ich sang YoFi vor, erzählte ihm, dass er nicht traurig sein soll, weil dieses erste Weihnachten für ihn anders ist, als es hätte sein sollen. Dann redete ich von den vielen unzähligen Weihnachtsfesten, die vor uns liegen würden, wo wir essen, Geschenke auspacken und vor allem miteinander lachen. Die ganze Zeit wirkte es so, als höre mir Yorik intensiv zu. Seine dunkelblauen Augen fixierten mich, die kleine Zunge spielte mit den Lippen und er drehte gelegentlich den Kopf so, als wolle er abwägen und das, was ich ihm erzählte, für gut befinden.
Viel zu schnell war dieser Nachmittag vorbei. Mein Gefühl schrie „Bleib einfach hier sitzen! Halte ihn im Arm, die ganze Nacht, die ganze heilige Nacht.“ Doch ich wusste, dass ich meinen anderen Kindern auch ein Weihnachten geben musste, nicht auch noch das improvisierte, so andere Fest, nehmen durfte.
Und wieder legte ich mit Tränen in den Augen meinen Sohn ins Bett, küsste und streichelte ihn und verabschiedete mich, wohl mehr zu meiner eigenen Beruhigung, mit den Worten, dass wir im nächsten Jahr alle zu Hause Weihnachten feiern, als hätte es dieses Weihnachten nur wie in einer Erzählung gegeben, statt in der Erinnerung an eine schwere Zeit.

Am Abend aßen wir bei Jessi und ihrer kleinen Familie. Alles war so wunderbar, so, wie wir es eigentlich aus der Vergangenheit bei uns zu Hause kannten. Und doch hing ein bedrückendes Gefühl in der Luft, weil wir wussten, dass einer von uns in diesem Kreis fehlte. Unser YoFi.
Kerzen brannten für ihn, wir stießen auf seine Gesundheit an und immer wieder ertappte jeder Einzelne sich, wie er in Gedanken am Gitterbett unseres kleinen Wikingers stand.
Und immer wieder beschlich mich das Gefühl des schlechten Gewissens, hier zu sitzen, während mein jüngstes Kind dort in der Klinik liegt. Bewusster als vielleicht an jedem anderen Tag, ging es sicher jedem von uns so und trotzdem es ein wunderschöner Abend war, schlief ich mit einem Lächeln und gleichzeitig Tränen des Vermissens ein.

Am ersten Weihnachtstag fuhr ich mit Jessi und Daniel zu Yorik. Endlich konnten auch sie dem kleinen Prinzen frohe Weihnachten wünschen und ihm ein Geschenk bringen. Eine Decke mit seinem Namen und Geburtsdatum. Es war irgendwie auch symbolisch, denn diese Decke würde ihn umarmen, wenn die große Schwester und ihr Freund nicht selbst an seinem Bett stehen könnten.
An diesem Abend lag ich lange wach und dachte über die Worte nach, die meine älteren Kinder mir unabhängig voneinander, jeder auf seine Art gesagt hatten. Sie hatten mich in die Arme genommen und geflüstert, dass ihr größter Weihnachtswunsch sei, Yorik im nächsten und jedem folgenden Jahr, in unserer Mitte, zu Hause zu haben. Nicht nur an den Weihnachtsfesten, sondern das ganze Jahr über, aber an diesen Feiertagen mit dem Zauber, dass wir so stolz sein können, die schwere Zeit hinter uns gelassen zu haben.
Ja, ich habe wunderbare Kinder, die sich nicht für das interessieren, was Andere von ihnen denken, sondern denen ihre Familie nah ist, die zusammenhalten und wie eine Mauer den in die Mitte nehmen, der ihren Schutz am meisten braucht. Und in den kommenden Jahren würde das hoffentlich unser Yorik sein, der im Schutz der Mauer erwachsen werden würde.

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