Einfach nur nackte Angst!

Einfach nur nackte Angst!

Wie bekämpft man Angst und Unruhe, wenn man das Gefühl hat, es zerreißt innerlich?
Manche betrinken sich, andere versuchen zu ignorieren und sich alles schön zu reden. Ich schreibe, als könne ich damit ein Ventil öffnen, dass mir hilft die Angst etwas unter Kontrolle zu bekommen.
Da liegt mein Handy, das ich nicht aus den Augen lasse und doch am liebsten an die Wand werfen möchte, damit es nicht klingeln kann. Als könnte es etwas dafür, wäre schuld daran, wenn jemand anruft. Ich weiß, kommt ein Anruf der Klinik, wollen sie mir sicher nicht sagen, dass dass wir uns freuen sollen. Jedenfalls heute nicht. Wenn dann vielleicht morgen? Morgen wird Yorik den nächsten Eingriff haben, bei dem sie die Ursache seiner Probleme zumindest erst einmal eindämmen wollen, wenn es stimmt, was sie vermuten. Es würde ihn nicht gesund machen, jedoch wahrscheinlich stabiler, um Zeit zu gewinnen, damit mein kleiner Prinz wachsen und größer werden kann, um kräftiger zu sein, wenn man seinen Herzfehler operiert. Wir brauchen Zeit dazu und bessere Grundlagen. Niemand weiß genau, warum die Drücke sich zu sehr erhöhen, andere zu sehr abfallen. Sie wissen nur, dass sein Leben dadurch in großer Gefahr ist. Man vermutet, dass die neue Stenose in der Aorta, die man erst jetzt lokalisierte, dafür verantwortlich ist. Diese will man morgen, bei dem Eingriff beheben und mein Gefühl sagt „Das muss einfach die richtige Lösung sein!“

Heute Nacht war Yorik unter Beatmung und Sedierung wieder instabil, musste noch mehr Herz-Kreislauf-Mittel bekommen, um wieder „normalere“ Werte zu haben und der Arzt sagte vorhin, dass sein Zustand kritisch ist, in dem Punkt, dass man nicht garantieren kann, dass unser Sohn diesen Eingriff schafft.
Ja, man ist ehrlich zu uns, aber manchmal ist genau diese Ehrlichkeit so verdammt grausam. Sicher habe ich lieber wahnsinnige Angst um ihn, um mich dann noch mehr zu freuen, wenn dann alles gut verlaufen ist, als umgekehrt, aber dann nicht einmal ein aufmunterndes Lächeln vom Arzt zu bekommen, nur skeptisches Schulterzucken und ein „Warten wir ab“, fühlt sich in diesem Moment des emotionalen Ausnahmezustands an, als wolle mir der Arzt damit schonend beibringen, dass man aufgibt. Ich sagte dem Arzt, sie sollen alles dafür tun, uns unseren Yorik so gesund es geht wieder zu bringen. Dass sie alles tun sollen, damit wir zig und abermals zig wundervolle Jahre mit ihm verbringen können. Dabei konnte ich kaum noch sprechen, weil die Tränen über mein Gesicht liefen und ein dicker Kloß meinen Hals zudrückte. Der Arzt nickte nur beiläufig und schlenderte davon.

Ich wollte schreien, ihn anspringen und schütteln. Ihm ins Gesicht brüllen, dass er sich nichts verschenkt, wenn er mir wenigstens Mut dahingehend machen kann, dass das gesamte Ärzte- und Schwesternteam sein Bestes gibt. Mehr wollen wir doch gar nicht. Wir wissen, sie können nicht zaubern. Ich wollte nur etwas hören wie „Ich kann Ihnen nichts versprechen, was den Ausgang der OP angeht, aber zumindest kann ich Ihnen zu 100% versprechen, dass wir alles, in unserer Macht stehende tun werden, um Yoriks Leben zu retten.“ Wäre das zu viel Hoffnung und Zuversicht gewesen, die man uns gibt? Müssen wir mit dem Eindruck, dass die Ärzte eher distanziert wirken, allein in unserer Angst ersticken.
Ich weiß, sie sind nicht distanziert und geben ihr Bestes! Aber in Momenten wie diesen, brauche ich jemanden, der ein bisschen mehr das Zepter in der Hand hält, Zuversicht ausstrahlt und uns sagt „Lehnt Euch einen Moment zurück, ab hier übernehmen wir und tun alles für den kleinen Mann.“

Warten. Man sitzt da und wartet. Wartet, zum Kind gelassen zu werden… mit einem Arzt sprechen zu können… Aufklärungen und Einverständniserklärungen unterschreiben zu dürfen…
Das Warten zermürbt, denn es liefert unbarmherzig aus. An die allgegenwärtige Angst, die einem fest im Würgegriff hält und immer enger zudrückt.
Warum kann ich nicht schlafen? Einfach einschlafen und aufwachen, wenn Yorik alles gut überstanden hat. Dass mich jemand weckt und sagt „Steh auf, Yorik wartet schon. Es geht ihm wieder gut und er will jetzt mit Mama kuscheln.“
Ja, ich bin feige. So wie heute Vormittag, als ich an seinem Bett stand und nur schwer der Aufforderung der Schwester widerstehen konnte, ihn bitte nicht zu streicheln, weil er darauf reagiert und momentan jede noch so kleine Reaktion, auch Positive, seine Werte in Bereiche presst, die lebensgefährlich sind.
Also legte ich meinen Finger in seine Hand. Ich hielt nur seine kleine Hand und flüsterte ihm zu, dass er immer wieder das Ziel sehen soll, bald wieder mit Papa, seinen Geschwistern, seinem Schwager und mir kuscheln zu können. Ich sagte, dass ich schon darauf warte, wieder seinen Bauch zu knutschen, auf den Lachknopf, seinen Bauchnabel, zu drücken, an seinem Hals zu knabbern, bis er wohlig die Augen verdreht und an der kleinen Nase zu rubbeln, bis ich ein Lächeln geschenkt bekomme. Ich erzählte ihm von unserem künstlichen Weihnachtsbaum, der so lange stehen bleibt, bis er nach Hause kommt, damit Yorik sehen kann, wie viel Mühe Papa und seine Geschwister sich mit dem Baum gemacht haben, weil wir bis zuletzt hofften, dass Yorik Weihnachten ein paar Stunden heim könnte. Yoriks Weihnachtsbaum, dessen Spitze der Holzstern mit seinem Fußabdruck ist.
Dann ermahnte ich meinen kleinen Prinzen, mich nie wieder allein zu lassen, wie in der vorletzten Nacht, als sein kleines Herz einfach stehenblieb und er drei Minuten reanimiert werden musste. Als ich ihm sagte, dass ich ihn so sehr brauche, dass unsere Familie ihn doch so sehr braucht und er uns doch noch so viele, seiner wunderbaren Wege zeigen muss, rollten mir die Tränen übers Gesicht und ich schimpfte innerlich mit mir, dass das Weinen keine positive Energie ist. Und etwas anderes, als positive Energie, will ich doch jetzt gar nicht an ihn heranlassen!

„Wir sehen uns morgen. Komm heil zu mir zurück! Ich liebe Dich!“, flüsterte ich, küsste die Spitze meines Fingers und drückte ihm damit den Kuss auf die Stirn „Ich bin die ganze Zeit in Gedanken bei Dir. Du musst nur fest daran glauben und dass wir dann schon bald wieder kuscheln und knutschen können, dann spürst Du, wie sehr wir alle bei Dir sind.“
Als ich dann ging, fühlte ich mich wie ein elendiger Feigling, weil ich nicht an seiner Seite sitzen blieb. War es wirklich rein der Wunsch, ihm Ruhe vor dem Eingriff zu geben oder war es Feigheit, weil ich weiß, dass ich meine Angst nicht kontrollieren kann und seine Laken mit Tränen voll tropfe?
Ist es nicht auch Feigheit, meinem Mann mein Handy in die Hand zu drücken und von ihm zu verlangen, dran zu gehen, wenn es klingelt? Ich will nichts Negatives hören!!! Ich will einfach, dass alles gut wird, Yorik den Eingriff gut übersteht und es ihm dann wirklich endlich ein wichtiges Stück besser geht. Dauerhaft. Ich will einfach nur diese Wünsche sehen und hören, weil die Angst, es könnte sich etwas von all dem nicht erfüllen, einfach zu groß ist.

Da ist mein kleiner Sohn, mein Jüngster, geliebt von seiner Familie, die um sein Leben zittert. Yoriks Geschwister zünden Kerzen für ihn an, beten innerlich, hoffen und zittern mit uns und ich bin stolz auf meine Familie, die wie eine Mauer dasteht. Eine Mauer, die bereit ist, Yorik gegen alles zu schützen, was ihm schaden könnte. Und vor allem bin ich stolz auf diese Familie, weil jeder einzelne von ihnen sagt „Das Selbe denke und fühle ich auch!“, wenn ich Yorik zuflüstere „Yorik, Spatzi, bleib bei mir, ich brauche Dich doch so sehr und kann ohne Dich nicht leben!“

Und wieder greift die Angst zu. Unbarmherzig stellt sie die Frage „Und was würdest Du machen, wenn ich nicht zulasse, dass Du Yorik das noch einmal ins Gesicht sagen kannst?“
NEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNNN!
Ich will kein „Wenn“ und „Aber“ hören! Ich will nur, dass unser kleiner Prinz Yorik morgen aus dem OP kommt und endlich die stabile Grundlage für die nächsten Schritte geschaffen werden konnten, die so wichtig sind, um das Leben des kleinen Wikingers zu retten, der uns seit 10 Wochen und 4 Tagen zeigt, welch starker Kämpfer er ist!!!

Yorik, bleib bei uns und werde gesund! Ich liebe Dich, mein Sohn!!!

Quelle: http://www.mamiweb.de

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