Papas Finger gehalten

Papas Finger gehalten

Heute ist Sonntag und gerade kommen wir von YoFi. Immer wieder, wenn er wach ist und ihm etwas nicht gefällt, presst er. Es ist dieses Luftanhalten, das alle Babys machen, bevor sie tief einatmen und dann ihren ganzen Unmut in die Welt hinausbrüllen. Nur Yorik kann das nicht. Oft kommt es gar nicht zu diesem tiefen Atemzug, weil das Pressen seine Sauerstoffsättigung bereits nach unten sacken lässt. Dann folgt der Kreislauf und innerhalb weniger Augenblicke muss man ihm helfen, wieder auf stabilere Werte zu kommen, indem man ihn mit zusätzlichem Sauerstoff beutelt. Also versucht man ihn ruhig zu stellen, sobald man merkt, dass er in seinen Wachphasen zu unruhig, zu unzufrieden wird. Trotzdem lassen sich die Situationen nicht immer vermeiden, wo er plötzlich anzeigt „mir gefällt hier gerade etwas nicht“.

Als wir heute morgen zu ihm kamen, war er wach. Regelrecht munter. Der kleine Po rutschte hin und her, die dünnen Arme, an denen die Zugänge mit Schienen stabilisiert sind, versuchten herumzufuchteln. Mit großen Augen sah er uns an und begrüßte uns mit leisem Glucksen. Die Schwester erklärte uns, dass der Tubus weniger fixiert ist, dadurch die Stimmbänder nicht mehr eingeengt werden und Yorik so seine glucksenden Laute von sich geben kann. Und genau das bewies er uns. Leise „öng“ und „emm“, ein Blubbern mit der Zunge… Das verstohlene Lächeln, wenn wir ihn streichelten, suchende Augen, die versuchten uns festzuhalten. Es dauerte einen kleinen Moment, bis er mich mit Mundschutz erkannte, aber dann bekam ich auch eine Begrüßung. Langsam beugte ich mich über ihn, rieb meine Wange mit dem Mundschutz an seinem Gesicht und der Stirn, flüsterte ihm ins Ohr, wie stolz ich auf ihn bin, wie sehr ich ihn liebe und sein Arm, mit der Schiene, schob sich unter mein Gesicht und drückte meinen Kopf näher an seinen, so als wolle er mich festhalten. Mit dem ganzen Gesicht drehte er sich zu mir, schmiegte sich an, versuchte mit der Zunge meine Wange abzutasten und gluckste zufrieden sein „öng“. Ich sang ihm leise vor. Das Schlaflied, dass ich all meinen Kindern immer vorgesungen habe „Hell wie der Lichtschein auf dem Wasser“. Noch immer kuschelte er sich an meine Wange. Doch plötzlich ging ein Ruck durch seinen kleinen Körper. Er würgte, scheinbar versuchte sich ein Bäuerchen den Weg nach draußen zu suchen. Ein zweites Würgen folgte, Yorik wurde panisch, dunkelrot und machte sich steif. Sofort presste er wieder gegen diese Angst an, die ihn überfällt, wenn eine Situation wie diese eintritt. Panisch schaute ich mich um, rief nach der Schwester, die mir half, den kleinen Mann wieder zu beruhigen. Es hatte keinen Alarm gegeben, diesmal hatte er seine Werte nicht in kritische Bereiche gepresst, aber ich stand da und meine Nerven versagten völlig. Tränen liefen mir übers Gesicht, meine Hände zitterten, während ich nur noch beruhigend auf Yorik einredete. Er war doch schon längst wieder ruhig. Beruhigte ich mich selbst? Diese Situation, völlig ungefährlich, schaffte es, mich komplett für einen Moment aus der Bahn zu werfen. Ich musste raus, kurz durchatmen. Es konnte einfach nicht angehen, dass ich zitternd und heulend an YoFis Bett stehe und damit womöglich Unruhe verbreite. Draußen rief ich eine Freundin an. Nur kurz reden, seine Schwäche gestehen, zuzugeben, wie blank die Nerven liegen. Nächste Woche werde ich einen Termin mit jemandem von der Klinikseelsorge haben. Ich wollte das so, brauche jemandem, bei dem ich mich leerspülen, mir alles von der Seele reden kann. In diesen Momenten des Gesprächs, muss ich versuchen, einen Teil der Angst, mit der ich morgens aufwache, die mich den ganzen Tag begleitet, beim Einschlafen fest im Griff hat und mir Albträume schickt, loszuwerden. Es geht nicht anders, denn mit dieser Angst verliere ich irgendwann noch völlig die Nerven und das kann ich mir absolut nicht leisten, denn ich brauche diese Kraft für Yorik.

Mein Mann kommt raus. Yorik schläft. Er hat Papas Finger gehalten, bis er einschlummerte. Ich hoffe, ihn begleiten wunderschöne Träume. Träume, die seinen Willen stärken, bei uns zu bleiben. Ja, ich hoffe, er träumt von den Momenten, wo wir unbeschwert kuscheln und schmusen konnten, wünscht sich, dass wir es bald wieder können. Traurig verlasse ich das Klinikgelände und bete um Gesundheit für Yorik, sowie Kraft für uns, an das Wunder zu glauben, das wir unbedingt brauchen, um unseren kleinen Prinzen nicht zu verlieren.

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