Etwas gespürt….

Gerade bin ich im Hotel angekommen und muss einfach schreiben. Der Schreck sitzt noch zu tief, als dass ich es anders verarbeiten könnte. Es muss raus, sei es auch nur in geschriebenen Worten, denn krallt es sich im Inneren fest, lähmt es die Seele.
Vorgestern wurde YoFi extubiert. Alles verlief ohne Zwischenfälle und unser kleiner Mann wurde nur vorsichtshalber mit einem kleinen Schlau in der Nase unterstützt, von dem der Arzt meinte, er gehe davon aus, dass YoFi dies auch nicht lange benötigt. Es war wie ein Freudentaumel, in dem wir uns umarmten und glücklich waren, dass der kleine Prinz nun vielleicht bald schon wieder munter und zufrieden in unseren Armen liegen würde.
Gestern kam Timo früher von der Schule. Er hatte mit seiner Lehrerin geredet, dass er zwar positiv denken und fühlen müsste, da doch am Vortag der Tubus gezogen worden war, aber innerlich verspürte er eine so große Unruhe und Angst, dass er befürchtete, jeden Moment zusammenzubrechen. Am Nachmittag löcherte Timo mich immer wieder, dass er nicht erst Montag, sondern heute schon mit zu YoFi kommen kann. In mir schrillten Alarmglocken! Es war, als sollte mir Timos Unruhe etwas sagen und langsam wurde ich auch nervös. Aber ich hielt meinen Mund, wollte nicht, dass meine Familie denkt, ich werde hysterisch oder, schlimmer noch, dass sie selbst hysterisch werden würde.
Also fuhren Timo und ich heute Mittag zu YoFi und als wir sein Zimmer betraten, schimpfte ich bereits nach 5min innerlich mit mir, dass ich mir völlig umsonst solche Sorgen gemacht habe. YoFi war wach, regelrecht munter, verdrehte nicht einmal die Augen und suchte unseren Kontakt. Zwischendurch ein kleines Lächeln, einige leise Laute, als wolle er uns erzählen, wie sein Tag gewesen war und immer wieder ein kleines wohliges Seufzen, bevor er einen kleinen Augenblick die Augen zum Dösen schloss.
Dann, plötzlich und völlig unerwartet, fing er an zu weinen. Nichts, kein Streicheln, keine Worte und auch kein Tätscheln, konnten ihn beruhigen. Timo verlor die Farbe, trat einen Schritt vom Bett weg. Die Schwester kam und wir versuchten zu zweit, unseren Spatz zu beruhigen, aber er regte sich immer mehr auf, schnappte immer heftiger nach Luft, wälzte sich fast panisch hin und her und schließlich wechselte er die Farben von dunkelrot ins bläulich, um schließlich fast weiß zu werden.
Der Oberarzt kam, klopfte auf den Brustkorb. Immer wieder, immer im selben Rhythmus… Er gab Anweisungen, eine zweite Schwester kam hinzu. Noch mehr Anweisungen, schnelle, aber gut eingearbeitete Bewegungen. Jeder wusste, was er zu tun hatte, jeder spielte im Team.
Wir standen ein Stück neben dem Bett. Unter Schock, bewegungslos, außer das Zittern. Timo ging hinaus. Er wollte bei einem kleinen Bruder sein, aber viel mehr wollte er auf gar keinen Fall in dem kleinen Raum im Weg stehen. Also klopfte ich ihm auf die Schulter und ermunterte ihn, einen Kaffee trinken zu gehen und dass ich auch gleich hinaus kommen würde.
Dann stand ich da, dicht an der Wand, keinen Meter vom Bett meines kleinen Sohnes entfernt und starrte abwechselnd auf ihn und den Monitor, der nur noch Alarm schlug. Arzt und Schwestern gaben Medikamente, wirkten so routiniert, dass es fast schon beruhigend hätte sein können, doch ich nahm das alles so unwirklich und fremd auf, starrte auf mein Baby und schrie innerlich „Yorik, komm schon! Los, komm schon! Mach jetzt nicht schlapp!!!“
Ich fühlte mich wie ein Geist, der zwar im Raum ist, aber nur zusehen, nicht aber handeln kann. Ein Geist, der nicht wahrgenommen wird, irgendwie auch nicht weiß, was er dort macht und nur mit stummer Stimme innerlich brüllt und anfeuert.
Es waren nur einige Minuten, als der Alarm am Monitor immer weniger wurde und schließlich verstummte, aber es fühlte sich an, als habe die zeit gereicht, um an Boden und Wand festzuwachsen.
Blass lag mein kleiner Prinz da, die Augen zu, schlafend vom Beruhigungsmittel, aber immerhin wieder einigermaßen stabil. Ich traute mich wieder ans Bett, sah den Arzt fragend an und er meinte, dass YoFi ruhig gestellt und darunter stabil wäre, dass es eben aber auch sehr knapp war und er gestorben wäre, hätte man ihn nicht so schnell versorgen können.
Meine Starre löste sich immer mehr. Das Zittern wurde schlimmer, Tränen suchten sich den Weg ins Freie und ich stand da, als wüsste ich nicht, was ich überhaupt dort in dem Zimmer mache.
Gedanken sprangen hin und her. Hatte ich etwas falsch gemacht? Bin ich Yorik zu dicht auf den Pelz gerückt oder hatte ich zu viel Abstand zu ihm? War es meine Schuld, dass er sich so aufgeregt hatte?
Ich weiß, dass dies nicht Yoriks erster akuter Abfall war, aber es war der Erste, den ich so miterlebte. Unentschlossen stand ich in der Zimmertür, den Kittel bereits ausgezogen, meine Jacke über dem Arm und schaute auf meinen kleinen Sohn, wie er wieder friedlich, aber völlig erschöpft dort in seinem Bettchen lag. Nur einen Moment noch schauen, ob der kleine Abschiedskuss, den ich ihm aufgehaucht hatte, nicht einen neuen kritischen Moment verursacht.
Dann verließ ich das Zimmer und die Station. So fremd, so unwirklich, so einsam. Draußen traf ich Timo. Ich sah ihm an, dass er geweint hatte. Zig Mal versuchte er sich zu entschuldigen, dass er rausgegangen war und ich versicherte ihm, dass es das Richtigste war, was er hätte tun können. Nein, er war kein Feigling! Er hatte Angst um YoFi, stand selbst davor wegzuknicken und ging aus Verantwortungsgefühl, m nicht der Hilfe für seinen Bruder im Weg zu sein. Und darauf konnte ich nur stolz sein!
Auf dem Weg ins Hotel und später im Zimmer, sprachen wir über das Erlebte und werden es wohl noch unzählige Male machen, um den Gefühlen und Gedanken nicht Nährboden in uns zu geben, sich festzufressen. Wir sprachen auch über das Vorgefühl und Timo bestätigte, dass etwas in ihm die letzten Tage gedrängt hatte, zu YoFi zu fahren, als könne es sonst sein, dass etwas passiert, ohne dass er den Kleinen noch einmal gesehen hat. Trotz des Schocks meinte mein Großer dann aber, es sei merkwürdig, aber im Moment fühle er sich innerlich so ruhig. Ja, der Schreck säße noch tief, aber diese Unruhe der letzten Tage sei schlagartig weg, als flüstert eine Stimme, dass eine weitere Hürde genommen sei.
Und in mir betet, fleht und schreit alles, dass mein Großer auch diesmal Recht behalten würde!

Yorik-Finnley, Du kleiner Sonnenschein, heute hast Du uns in Angst und Schrecken versetzt. Wir sitzen da und zittern noch immer, weil wir solche Angst hatten, Du würdest uns nun verlassen. Bitte, Spatzi mach das nicht wieder! Reg Dich bitte nie wieder so auf, dass Dein kleines Herzchen überlegt, ob es jetzt aufhören will zu schlagen! Ich weiß, als du weinen musstest und die Luft Dir knapp wurde, hast Du große Angst bekommen und in dieser Angst blieb Dir immer mehr die Luft weg. Aber Spatzi, wenn wir da sind und Dich halten, dann brauchst Du doch keine Angst haben, denn wir beschützen Dich. Wir lieben Dich!

3 Kommentare

  1. Theiry (mamavonsamira) |

    liebe sylvi ich sitze hier und weine so sehr,ich kann die tränen einfach nicht zurück halten…als ich das las dachte ich :oh gott gleich kommt die schreckliche nachricht der kleine prinz hat dem kampf verloren.doch zum glück ging alles gut.er ist so tapfer und stark und ich hoffe so sehr das ihm entlich geholfen werden kann!!!
    weiterhin euch viel kraft

  2. Melanie Rolfs |

    Liebe Silvie,
    mensch das war wirklich eine traumatische Situation für euch und doch war es so wichtig das ihr bei eurem kleinen Prinzen wart!!! Er wird es gewusst und gefühlt haben und frage dich nicht ob deine Liebe die du deinem kleinen Schatz gibst wenn du dort sitzt diese Attacken auslöst….sicher nicht davon kannst du garnicht zuviel geben ! Ihr macht das einfach toll …meine Bewunderung für deine grenzenlose Mutterliebe und auch dein Großer hatte den Entscheidenden 7 Sinn um dich im rechten Moment an das Bett des kleinen zu ordern. Ich sende euch 1000 Schutzengel !!! Und werde für euch beten das es endlich in richtung Stabilität und Nomalität geht ….endlich den rettenden Arzt zu finden !
    Sei gedrückt Melli

  3. Liebe Sivie,

    ich teile eure Tränen und wünsche euch ganz ganz viel Kraft un das YoFi sehr bald geholfen werden kann.

    Fühlt euch alle gedrückt

    LG Swen

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